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„Blutrausch“ auf 64 FeldernAnand und Polgar spielen beim spektakulären 5:3 „wie die Teufel“Von Hartmut Metz
Ein falscher Pfiff, der Millionen kostet. Beim Fußball liefern diese Woche für Woche Diskussionsstoff. Beim Schach geht es naturgemäß etwas ruhiger zu. Kein gellender Laut durch eine schwarze Trillerpfeife, der die Massen empört. Schiedsrichter geben auf den 64 Feldern kaum den Ton an. Mit einem Fingerdruck löste jedoch der Mann in Anzug und Krawatte Aufregung aus. Er hatte pflichtbewusst pünktlich die Uhr von Judit Polgar gedrückt – obwohl die weltbeste Schachspielerin in der mit fast 1.000 Zuschauern besetzten Mainzer Rheingoldhalle weit und breit nicht zu sehen war. Mit knapp drei Minuten Verspätung eilte Polgar ans Brett und warf ihren Königsbauern zwei Schritte nach vorne. „Im Turnierschach mit zwei Stunden Bedenkzeit machen drei Minuten wenig aus. Aber hier ist es etwa ein Zehntel der Bedenkzeit“, beklagte sich die Weltranglistenelfte bei den Männern. Aufgewühlt war sie nicht mehr Herr ihrer Sinne und ging trotz des Anzugsvorteils mit den weißen Steinen sang- und klanglos unter. Erzürnt witterte sie zunächst bei Anands Leib- und Magenturnier einen Affront. „Wenn Anand zu spät gekommen wäre, hätte der Schiedsrichter die Uhr garantiert nicht angestellt“, klagte Polgar unmittelbar nach der Niederlage zum 3:5. Ein paar Umdrehungen des Sekundenzeigers weiter hatte sich die temperamentvolle Ungarin wieder beruhigt und beharrte nicht mehr länger auf ein vermeintliches Heimspiel Anands. „Ich bin selbst schuld. Zum einen hätte ich pünktlich aus dem Hotelzimmer zurück sein müssen. Aber ich hatte wegen der Zeitverzögerung vor der ersten Partie des Tages angenommen, dass auch die zweite etwas später als 20 Uhr beginnt“, räumte Polgar ein und setzte fort, „zum anderen verpasste ich an den ersten Tagen eine Vorentscheidung zu meinen Gunsten.“ Die insgesamt rund 2.500 Zuschauer in der Rheingoldhalle erlebten
ein heutzutage einmaliges Spektakel: Sämtliche acht Partien wurden
entschieden! Die gleichzeitig stattfindende Chess960-WM, bei der die
Startaufstellung der Schachfiguren jeweils vor dem Beginn unter 960
Möglichkeiten ausgelost wird, stand im Schatten dieses „tollen
Wettkampfs“ (Polgar). Dabei hat sich CCM-Organisator Hans-Walter
Schmitt dem Chess960 verschrieben und vergangene Woche einen ersten
Weltverband gegründet, um die im normalen Schach kursierende Remis-Seuche
zu bannen. Beim 4,5:3,5-Sieg des Russen Peter Swidler über Titelverteidiger
Peter Leko (Ungarn) gab es aber fünf Friedensschlüsse. Angesichts der Dramatik und Rekordbeteiligungen in den Open mit 679
Teilnehmern (wir berichteten) sieht Organisator Schmitt die nächsten
Veranstaltungen in Mainz gesichert. „Die Zuschauer waren begeistert:
kein Remis, wundervolles Schach, ein spannendes Match. Besseres kann
dem Publikum und den Sponsoren nicht passieren. Die Chess Classic Mainz
2003 waren zusammen mit dem Turnier 2000, als wir die kompletten Top
Ten dabei hatten, die bisher beste Veranstaltung unter meiner Ägide.“
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